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Nach Preußen, Österreich und Bayern war das Königreich Hannover der viertgrößte Teilstaat des Deutschen Bundes. Eine Personalunion mit England brachte es überdies mit sich, dass seine Herrscher mehr als hundert Jahre lang auch das britische Weltreich regierten. Dennoch ist die Geschichte des bedeutendsten Vorläuferstaates des heutigen Landes Niedersachsen weitgehend in Vergessenheit geraten. Mijndert Bertram, Das Königreich Hannover, Hannover 2003, S. 5

Erinnern wir uns an unsere Schulzeit: Geschichte war immer etwas, was ganz weit entfernt stattfand und nie 'vor der eigenen Haustür'. Geschichte war Weltgeschichte, vielleicht Europageschichte und nur manchmal auch deutsche Geschichte. Und deutsche Geschichte war preußische Geschichte. Nach dem Siebenjährigen Krieg befragt, fällt uns Friedrich der Große ein, und auf das Stichwort Waterloo antworten wir spontan mit Feldmarschall Blücher. Kein Wunder also, daß die Schule bei uns keine allzu große Begeisterung für Geschichte wecken konnte.

Geschichte macht Schüler erst dann betroffen, wenn sie sich wiederfinden können; die Beschäftigung mit der eigenen Region bietet dazu eine Chance. Frank M. Andraschko, Alexander Link und Hans-Jakob Schmitz, Geschichte erleben im Museum, Frankfurt/Main 1992, S. 12

Nicht umsonst haben gerade Heimat- und volkskundliche Museen seit einigen Jahren wieder großen Zulauf, denn sie ... wecken Erinnerungen an die eigene Kindheit, Jugend und persönliche Erlebnisse. Juliane Schmieglitz-Otten, Das Museum als erlebnispädagogischer Lernort, Lüneburg 1991, S. 10

Daher ist Geschichte für den Arbeitskreis Hannoversche Militärgeschichte immer zunächst hannoversche Geschichte. Wenn man uns nach dem Siebenjährigen Krieg befragt, erzählen wir von Herzog Ferdinand von Braunschweig und der Schlacht bei Minden. Und Waterloo? Da fallen uns die vielen Hannoveraner ein, die aus Bremen, Lüneburg, Osnabrück, Calenberg, Salzgitter, Osterode, Hameln, Hildesheim, Nienburg und unzähligen anderen Orten 'vor unserer Haustür' zum Kampf gegen Napoleon nach Flandern marschierten. Es gibt so viel über diese Männer zu erzählen, daß wir ein Buch darüber geschrieben haben.

Warum wissen wir eigentlich so wenig über die Geschichte unseres Landes, über die Vergangenheit unserer Region? Warum kann man neuere Bücher über hannoversche Geschichte beinahe an den Fingern einer Hand abzählen?

Die Erklärung für dieses Phänomen ist hauptsächlich in einem mehrfachen Traditionsbruch zu suchen. Die Annexion des welfischen Königreiches durch Preußen im Jahre 1866 schnitt wesentliche Entwicklungslinien ab, und die Umwälzungen, denen die Siegermacht von damals in der Folge selbst unterlag, verschütteten die Erinnerung an die einstige Eigenständigkeit. Mijndert Bertram, Das Königreich Hannover, Hannover 2003, S. 5

Es liegt an uns, die verschütteten Erinnerungen aus dem Dunkel der Vergessenheit zu befreien. Den Arbeitskreis Hannoversche Militärgeschichte spornt es geradezu an, sich dieser Herausforderung zu stellen und praktisch Neuland zu betreten.

Aber warum ausgerechnet Militärgeschichte? Das ist doch nur etwas für kriegsverherrlichende jugendliche "Landser"-Leser oder unbelehrbare Kriegsveteranen!

Militärgeschichte ist besonders seit Ende des Zweiten Weltkrieges in den Ruf eines etwas zweifelhaften Unternehmens geraten, und wer sich mit ihr befaßt, wird nicht selten als zweitrangiger Gelehrter abgetan, dem es mehr um die Schilderung heroischer Schlachten als um seriöse historische Forschung zu tun ist. Omer Bartov, zit. nach Thomas Kühne und Benjamin Ziemann, Militärgeschichte in der Erweiterung, in: Dies. (Hrsg.), Was ist Militärgeschichte?, Paderborn 2000, S. 10

Sind diese Vorwürfe gerechtfertig? Sicherlich dann, wenn es wirklich nur um die unreflektierte Beschreibung von Belagerungen, Schlachten und Gefechten geht, ohne nach den Ursachen und Umständen, nach Kriegserleben und Kriegserfahren zu fragen. Das wäre ein Rückfall in das Geschichtsbild des 19. und frühen 20. Jahrhunderts:

Keine Armee, auch die größte nicht, hat höheren Kriegsruhm aufzuweisen als die Hannoversche, keine hat stets treuer und fester zum deutschen Vaterlande gestanden als diese; niemals ist dieselbe zu Zwecken der Eroberung seitens ihrer Fürsten gemißbraucht worden, und keine hätte daher mehr als sie verdient, bis in die spätesten Zeiten fortzubestehen. J. Freiherr von Reitzenstein, Übersicht der Geschichte der Hannoverschen Armee von 1617 bis 1866. Hannover und Leipzig 1903, S. 1

Die vielen Schlachtfelder auf Candia, in Morea, Ungarn, Deutschland, Frankreich, Dänemark, Holland und den Niederlanden, Portugal, Spanien mit Gibraltar und Minorka, Italien, Sycilien, Ostindien u.s.w. geben davon Zeugniß. B. von L.-G., Aus Hannovers militärischer Vergangenheit, Hannover 1880, S. III

Der Arbeitskreis Hannoversche Militärgeschichte steht nicht in der Tradition obrigkeitsgläubiger und praxisorientierter Generalstabshistorie. Wir widmen uns weder der ästhetisierenden Darstellung von Schlachten noch der Heroisierung einzelner Heerführer.

Die etablierte Militärgeschichte weiß nichts vom "kleinen Mann". Sie hat sich für "die da unten" eigentlich nie interessiert. Weshalb auch, so wird gefragt, sollte man sich mit den Mannschaftssoldaten und ihrer Geschichte befassen? Aus der Sicht "von oben" waren und sind sie immer nur Objekte, willenlose "Befehlsempfänger", anonyme Teile einer  grauen "Verschiebemasse" und letztlich – "Kanonenfutter". Wolfram Wette, Der Krieg des kleinen Mannes, München, Zürich 1995, S. 9

Das "Kanonenfutter" – der einfache Soldat, der auf den Schlachtfeldern Verwundung und Tod fand, steht im Mittelpunkt unseres Interesses. Der Arbeitskreis Hannoversche Militärgeschichte stellt Fragen nach dem individuellen Erleben des Krieges. Was führte zu den häufig auftretenden Massenpaniken? Warum desertierten Soldaten? Was geht in einem Menschen vor, der gleichzeitig Angst vor dem Getötetwerden hat und selbst bereit zum Töten ist? Wir beschäftigen uns mit Waffeneinsatz und Ausbildung, aber auch mit den Grenzen von Drill und Disziplin und schreiben so eine 'Alltagsgeschichte des Schlachtfelds'.

Militärgeschichte beschränkt sich für uns allerdings nicht auf die Grenzen des Schlachtfelds. Wir untersuchen das Militär als wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Faktor in Krieg und Frieden: Wie wurden die Familien der Soldaten versorgt, wenn ihre Männer in den Krieg zogen? Wie gestaltete sich das Zusammenleben zwischen Bürgern und den bei ihnen einquartierten Soldaten? Welche Auswirkungen hatte eine Garnison auf das Wirtschaftsleben einer Stadt?

Nordwestdeutschland ist bislang als Kriegsschauplatz ... noch kaum zur Kenntnis genommen worden, obwohl es zum Beispiel im 16. Jahrhundert eine sehr viel größere Fehde- und Kriegsdichte aufwies als etwa Oberdeutschland. ... Woher rührt dieses Desinteresse an Nordwestdeutschland als einem 'militärischen Raum'? Möglicherweise daher, daß sich die deutsche Militärgeschichtsschreibung in so starkem Maße auf militärische Großereignisse konzentriert hat, die in Nordwestdeutschland tatsächlich weitgehend fehlten, daß sie den Krieg selbst aus den Augen verlor. Peter Burschel, Söldner im Nordwestdeutschland des 16. und 17. Jahrhunderts, Göttingen 1994, S. 25f.

Wir verlieren den Krieg nicht aus den Augen. Von der Schlacht bei Drakenburg (1547) in der Nähe von Nienburg an der Weser im Schmalkaldischen Krieg über die Schlacht bei Hessisch Oldendorf (1633) im Dreißigjährigen Krieg bis zur Schlacht bei Hastenbeck (1757) in der Nähe von Hameln im Siebenjährigen Krieg – der Krieg fand immer auch in hannoverschen Landen statt. Vielleicht waren es keine kriegsentscheidenden Ereignisse, aber dem einfachen Soldaten dürfte das genauso gleichgültig gewesen sein, wie der im Umkreis der Schlachtfelder lebenden Zivilbevölkerung. Kriegserfahren und Kriegserleben stellten sich für die Betroffenen schwerlich anders dar, als wenn sie an einem so weitreichenden Ereignis wie der Schlacht bei Waterloo (1815) direkt beteiligt gewesen wären.

Militärgeschichte spielte sich immer auch 'vor der eigenen Haustür' ab. Und wenn sie an weit entfernten Orten stattfand, waren fast immer auch Hannoveraner dabei. Von den Türkenkriegen im 17. Jahrhundert über die zahlreichen Kriege gegen Ludwig XIV. von Frankreich (1666-1714), den Österreichischen Erbfolgekrieg (1740-1748) und den Siebenjährigen Krieg (1756-1763) bis zu den Napoleonischen Kriegen (1803-1815) finden wir Männer aus Niedersachsen bei den gegnerischen Armeen. Dabei darf auch nicht vergessen werden, daß der Krieg auch in ganz anderer Form plötzlich 'vor der eigenen Haustür' stehen kann: Immer wieder wurden Teile Hannovers oder auch das ganze Land von Kriegsgegnern besetzt – im Dreißigjährigen Krieg, im Siebenjährigen Krieg, in den Napoleonischen Kriegen und im Jahr 1866.

Eine didaktisch überzeugende Vermittlung der ... Forschungsergebnisse an ein größeres Publikum wird in Zukunft in verstärktem Maße Aufgabe historischer Museen ... sein. Die Notwendigkeit einer adäquaten Darstellung von Krieg und Gewalt im Museum ist als ein Anliegen ... musealer Präsentation seit einigen Jahren erkannt worden. Bernhard R. Kroener, Militär in der Gesellschaft, in: Thomas Kühne und Benjamin Ziemann (Hrsg.), Was ist Militärgeschichte?, Paderborn 2000, S. 296f.

Die Zukunft hat bereits begonnen! Seit 2001 präsentiert der Arbeitskreis Hannoversche Militärgeschichte seine Forschungsergebnisse im Bomann-Museum Celle. Wissenschaftlich und lebendig, informativ und unterhaltsam sind für uns keine Gegensätze und multimedial kein Schlagwort. Mit uns erleben die Besucher Militärgeschichte der etwas anderen Art. Dabei bürsten wir schon einmal traditionelle Vorstellungen gegen den Strich.

Nie verlieren wir den einfachen Soldaten, nie unsere Region aus dem Blick – ob auf einer 'Zeitreise' in die Napoleonischen Kriege, bei einer  'Living History'-Darstellung mit Geschichte zum Anfassen oder einem militärhistorischen Vortrag.

Warum eigentlich Hannoversche Militärgeschichte? Diese Frage stellt sich uns überhaupt nicht – und Ihnen jetzt hoffentlich auch nicht mehr!